„Wir sind für diese Zeiten gemacht“

Gast­bei­trag von Cla­rissa Pin­kola Es­tés
Die Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin und „Can­ta­dora“ Cla­rissa Pin­kola Es­tés hat vo­ri­ges Jahr ei­nen Brief an eine junge Ak­ti­vis­tin ge­schrie­ben, der ebenso er­mu­ti­gend wie weg­wei­send ist:

„Meine liebe Freun­din,
lass den Mut nicht sin­ken. Wir wur­den für diese Zei­ten ge­macht.

Ich habe die­ser Tage von so vie­len ge­hört, die zu­tiefst ver­wirrt sind. Sie ma­chen sich Sor­gen über den der­zei­ti­gen Stand der Dinge in un­se­rer Welt. Es stimmt, man muss wirk­lich starke „Eier“ und Ova­rios, „Ei­er­stö­cke“, ha­ben, um vie­les von dem, das in un­se­rer Kul­tur heut­zu­tage als „gut“ durch­geht, aus­zu­hal­ten. Völ­lige Miss­ach­tung des­sen, was die Seele als höchst wert­voll und un­er­setz­lich an­sieht, und die Kor­rup­tion grund­sätz­li­cher Ideale wur­den auf ei­ni­gen gro­ßen Büh­nen der Ge­sell­schaft zur „neuen Nor­ma­li­tät“, zur Gro­teske der Wo­che.

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Da ist Vorsicht geboten!

Glosse
Aus Er­fah­rung wis­sen wir: Sätze, die mit dem Wort „Nie­mand“ be­gin­nen, sind ge­fähr­lich. Be­son­ders, wenn sie von Po­li­ti­kern kom­men. Da heißt es, wach­sam sein. Da wird’s meis­tens hin­ter­her sehr un­an­ge­nehm. Oder teuer. Oder bei­des. Sie er­in­nern sich: „Nie­mand hat die Ab­sicht, eine Mauer zu er­rich­ten“ – Wal­ter Ulb­richt 1961.

Für heute Abend, 17 Uhr, hat un­ser Ober­bür­ger­meis­ter die Be­woh­ne­rIn­nen der In­nen­stadt per Brief ein­ge­la­den zu ei­ner Vi­deo-Kon­fe­renz. Drei Stun­den lang. Thema ist die „Er­hö­hung der Auf­ent­halts­qua­li­tät“ rund um den Ar­chiv­platz. Wört­lich schreibt er: „Nie­mand kann die Lage vor Ort aus ei­ge­ner Er­fah­rung so gut ein­schät­zen wie die An­woh­ne­rin­nen und An­woh­ner.“ Klingt gut. Fängt aber mit „Nie­mand“ an. Da ist also höchste Vor­sicht ge­bo­ten, siehe oben.

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Rosa Kamm und die „Herren Abgeordneten“

Rosa Kamm (Foto: pri­vat)

Vor 75 Jah­ren ka­men im Fest­saal des Furt­bach­hau­ses in Stutt­gart 100 Ab­ge­ord­nete aus Nord-Würt­tem­berg und ‑Ba­den zu­sam­men, um der Be­völ­ke­rung nach dem Zwei­ten Welt­krieg eine neue Ver­fas­sung zu ge­ben. Un­ter ih­nen war auch Rosa Kamm aus Schorn­dorf, als eine von ins­ge­samt 7 Frauen in die­sem Gre­mium.

Ihr Mann, Gott­lob Kamm, war eben­falls in diese Ver­fas­sungs­ge­bende Lan­des­ver­samm­lung ge­wählt wor­den, wie auch der ge­bür­tige Schorn­dor­fer Rein­hold Maier, den die ame­ri­ka­ni­sche Mi­li­tär­re­gie­rung we­nige Mo­nate zu­vor zum Mi­nis­ter­prä­si­den­ten der Über­gangs­re­gie­rung be­stimmt hat­ten. Die­ser gab in den Sit­zun­gen hin und wie­der eine Re­gie­rungs­er­klä­rung ab, wo­bei ihm die an­we­sen­den Frauen kei­ner Er­wäh­nung wert zu sein schie­nen, wenn er etwa sagte: „Zur Cha­rak­te­ri­sie­rung der Si­tua­tion möchte ich den Her­ren Ab­ge­ord­ne­ten da­von Mit­tei­lung ge­ben,…“ oder „Die Her­ren Ab­ge­ord­ne­ten müs­sen sich im kla­ren dar­über sein, dass…“.

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Am Rande bemerkt

Kurzglosse
Der Ge­mein­de­rat hat in sei­ner jüngs­ten Sit­zung Thors­ten Eng­lert zum Ers­ten Bür­ger­meis­ter ge­wählt. An­ge­sichts die­ses Er­eig­nis­ses fragt sich die Ger­ma­nis­tin, ob die Be­zeich­nung „Bür­ger­meis­ter“ ei­gent­lich noch zeit­ge­mäß ist. Das Wort „Meis­ter“ be­zeich­net laut Du­den ei­nen Men­schen, der ent­we­der in sei­nem Fach her­vor­ra­gend ist (und dies per Meis­ter­prü­fung be­wie­sen hat) oder es hat die Be­deu­tung „Herr und Ge­bie­ter“.

Ein Schnei­der­meis­ter ist ein Kön­ner sei­nes Fachs im Schnei­dern, ein Bä­cker­meis­ter im Ba­cken. Ein Bür­ger­meis­ter müsste ana­log Kön­ner im „Bür­gern“ sein. Das gibt es nicht. Also bliebe nur die De­fi­ni­tion „Herr und Ge­bie­ter“. Und ge­nau das ist er nicht. Im Ge­gen­teil. Er hat der Be­völ­ke­rung zu die­nen. Die Bür­ger­schaft ist der Sou­ve­rän. Er wird von de­ren Steu­er­gel­dern be­zahlt. Diese Amts­be­zeich­nung muss drin­gend an die tat­säch­li­chen Ver­hält­nisse an­ge­passt wer­den in: „Ers­ter Bür­gerdie­ner“.

Plädoyer für einen Paradigmenwechsel

Kurz­mel­dung
Der Schorn­dor­fer Tra­di­ti­ons­buch­händ­ler Carl-Lo­thar Ba­cher weist auf ei­nen Vor­trag von An­dreas We­ber hin, der ges­tern im Ra­dio­pro­gramm von SWR2 zu hö­ren war. Er trägt den Ti­tel „Zu­rück zur be­seel­ten Na­tur – Plä­doyer für ei­nen Pa­ra­dig­men­wech­sel“, ist 25 Mi­nu­ten lang und in der SWR2-Me­dia­thek ab­ruf­bar, wo auch das Ma­nu­skript zum Le­sen zur Ver­fü­gung steht.

Der Bio­loge und Phi­lo­soph An­dreas We­ber war vor ei­ni­gen Jah­ren per­sön­lich in Schorn­dorf, wo er sein Buch „Al­les fühlt“ vor­stellte. In sei­nem ak­tu­el­len Vor­trag er­klärt er un­ter an­de­rem: „Die Na­tur ist nicht die see­len­lose Me­cha­nik ei­nes gro­ßen Fres­sens, son­dern ein Mo­saik von Lust und von Be­trof­fen­sein, von Sinn und schöp­fe­ri­scher Ver­wand­lung. Al­les, was lebt, hat eine In­nen­welt und kann füh­len. Wenn al­les fühlt, dann ist die Rich­tung klar, in der wir un­sere Ge­sell­schaft ra­di­kal än­dern müs­sen: Hin auf eine Ge­gen­sei­tig­keit mit al­len an­de­ren We­sen.“

Und: „Kein Wun­der, dass wir uns in der Na­tur ge­liebt füh­len und uns dort auch nach­weis­lich selbst mehr lie­ben.“ – „Wir sind le­ben­dig, und die an­de­ren sind es auch, und wir sind es nur mit­ein­an­der, und durch­ein­an­der, in der Sehn­sucht, zu blü­hen, in­dem mein Ge­gen­über blü­hen darf.“

Gefährliche Gedenktage

Kom­men­tar
Heute vor 100 Jah­ren ist So­phie Scholl ge­bo­ren. Sie war Wi­der­stands­kämp­fe­rin im Drit­ten Reich und wurde 1943 zum Tode ver­ur­teilt, weil sie ein Flug­blatt an der Münch­ner Uni­ver­si­tät ver­teilt hatte, in dem auf die üb­len Ma­chen­schaf­ten Hit­lers hin­ge­wie­sen wurde.

Heute wird al­lent­hal­ben die­ser mu­ti­gen Frau ge­dacht. Po­li­ti­ker lo­ben ihre Hal­tung, sa­gen Sätze wie „Weh­ret den An­fän­gen“ und „Eine De­mo­kra­tie braucht Men­schen wie So­phie Scholl“. Man darf sich da­durch frei­lich nicht täu­schen las­sen, dass die glei­chen Po­li­ti­ker, die sol­ches sa­gen, sehr un­ge­müt­lich wer­den kön­nen, wenn je­mand ihre ei­ge­nen Pläne durch­kreuzt. So man­che Ge­mein­de­rä­tin hat dies am ei­ge­nen Leibe er­fah­ren, wenn sie – ih­rem ei­ge­nen Ge­wis­sen ver­pflich­tet und we­gen de­mo­kra­ti­scher Prin­zi­pien – an­ders ab­ge­stimmt hat, als der Ober­bür­ger­meis­ter es sich ge­wünscht hat.

Ge­denk­tage ber­gen eine wei­tere Ge­fahr. Wenn näm­lich Lies­chen Mül­ler und Otto Nor­mal­ver­brau­cher die Ge­schichte der Hel­din von einst hö­ren, kann es pas­sie­ren, dass sie un­will­kür­lich im Geiste in de­ren Rolle schlüp­fen. So, wie sie sich in ei­nem Spiel­film mit der Hel­den­fi­gur iden­ti­fi­zie­ren, oder vom Sofa aus die Na­tio­nal­mann­schaft an­feu­ern, um spä­ter stolz zu sa­gen: „Wir sind Welt­meis­ter.“ Dass sie sich also im Geiste als Wi­der­stands­kämp­fer se­hen, vol­ler Über­zeu­gung, sie hät­ten da­mals auch so ge­han­delt. Und dann ver­ges­sen, dass das reine Phan­ta­sien sind, wäh­rend sie ak­tu­el­len Miss­stän­den ge­gen­über blind sind.

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Reinhold Maier freigesprochen

Seine Zu­stim­mung zum Er­mäch­ti­gungs­ge­setz anno 1933 holte Rein­hold Maier, den Schorn­dor­fer, im Ja­nuar 1947 ein, als er be­reits Mi­nis­ter­prä­si­dent des Lan­des Würt­tem­berg-Ba­den war. Franz Karl Maier, sei­nes Zei­chens Ju­rist und Her­aus­ge­ber der „Stutt­gar­ter Zei­tung“, sah in Rein­hold Mai­ers Ver­hal­ten da­mals so­wohl ei­nen Wort­bruch ge­gen­über sei­nen Wäh­lern, als auch Hoch­ver­rat an der Wei­ma­rer Ver­fas­sung.

Gott­lob Kamm, der – eben­falls aus Schorn­dorf stam­mende – Ent­na­zi­fi­zie­rungs­mi­nis­ter, wer­tete Rein­hold Mai­ers Zu­stim­mung zwar auch als po­li­ti­schen Irr­tum und Feig­heit, meinte je­doch, der Jour­na­list wolle mit die­ser An­klage le­dig­lich die Auf­lage sei­nes „Käs­blätt­les“ er­hö­hen. Ne­ben Rein­hold Maier sa­ßen sechs wei­tere Män­ner im Land­tag von Würt­tem­berg-Ba­den, die eben­falls da­mals der Er­mäch­ti­gung Hit­lers zu­ge­stimmt hat­ten.

Die Kom­mu­nis­ten im Land­tag mo­nier­ten: „Da wun­dern sich Zehn­tau­sende von Men­schen über den Vor­wurf, Mit­läu­fer ge­we­sen zu sein, wäh­rend auf der an­de­ren Seite füh­rende po­li­ti­sche Funk­tio­näre ihre Zu­stim­mung zum Er­mäch­ti­gungs­ge­setz als harm­los hin­stel­len woll­ten.“

„Rein­hold Maier frei­ge­spro­chen“ wei­ter­le­sen

„Weimar ist überall“

Bür­ge­rIn­nen, die in Sorge um die Un­ab­hän­gig­keit von Rich­tern und Rechts­spre­chung in un­se­rem Land sind, ha­ben heute vor dem hie­si­gen Amts­ge­richt weiße Ro­sen ab­ge­legt. Sie be­tei­lig­ten sich da­mit an ei­ner deutsch­land­wei­ten Pro­test-Ak­tion ge­gen das Vor­ge­hen der Po­li­tik ge­gen­über ei­nem Wei­ma­rer Rich­ter.

Die­ser hatte An­fang April in ei­nem Ur­teil be­fun­den, dass das Tra­gen von Mas­ken für Kin­der als Ge­fähr­dung des Kin­des­wohls an­zu­se­hen ist. Im In­ter­net­ma­ga­zin „Tichys Ein­blick“ wird das Ur­teil als “vor­bild­li­che Recht­spre­chung” ge­lobt. Das Thü­rin­gi­sche Jus­tiz­mi­nis­te­rium ord­nete bei dem Rich­ter vor we­ni­gen Ta­gen eine Haus­durch­su­chung an. Ju­ris­ten und Ju­ris­tin­nen sind ent­setzt über die­ses Vor­ge­hen und rie­fen zu die­ser So­li­da­ri­täts­be­kun­dung auf.

Auf bei­geleg­ten klei­nen Pla­ka­ten vor dem Schorn­dor­fer Amts­ge­richt im Burg­schloss steht un­ter an­de­rem: „Wei­mar ist über­all“, „Hier ruht die Ge­wal­ten­tei­lung“, „Wir ver­nei­gen uns vor dem Mut des Fa­mi­li­en­rich­ters von Wei­mar“ oder auch: „Wer die Frei­heit auf­gibt, um Si­cher­heit zu ge­win­nen, wird am Ende bei­des ver­lie­ren.“