„Wir sind für diese Zeiten gemacht“

Gast­bei­trag von Cla­rissa Pin­kola Es­tés
Die Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin und „Can­ta­dora“ Cla­rissa Pin­kola Es­tés hat vo­ri­ges Jahr ei­nen Brief an eine junge Ak­ti­vis­tin ge­schrie­ben, der ebenso er­mu­ti­gend wie weg­wei­send ist:

„Meine liebe Freun­din,
lass den Mut nicht sin­ken. Wir wur­den für diese Zei­ten ge­macht.

Ich habe die­ser Tage von so vie­len ge­hört, die zu­tiefst ver­wirrt sind. Sie ma­chen sich Sor­gen über den der­zei­ti­gen Stand der Dinge in un­se­rer Welt. Es stimmt, man muss wirk­lich starke „Eier“ und Ova­rios, „Ei­er­stö­cke“, ha­ben, um vie­les von dem, das in un­se­rer Kul­tur heut­zu­tage als „gut“ durch­geht, aus­zu­hal­ten. Völ­lige Miss­ach­tung des­sen, was die Seele als höchst wert­voll und un­er­setz­lich an­sieht, und die Kor­rup­tion grund­sätz­li­cher Ideale wur­den auf ei­ni­gen gro­ßen Büh­nen der Ge­sell­schaft zur „neuen Nor­ma­li­tät“, zur Gro­teske der Wo­che.

Es ist schwer zu sa­gen, wel­che die­ser Un­ge­heu­er­lich­kei­ten die Welt und die Le­bens­an­schau­un­gen der Men­schen mehr er­schüt­tert hat. Wir le­ben in ei­ner Zeit, in der uns fast täg­lich die Kinn­lade run­ter­fällt vor Ver­wun­de­rung und oft ge­nug aus be­rech­tig­tem Zorn über den ak­tu­el­len Ver­fall des­sen, was zi­vi­li­sier­ten, vi­sio­nä­ren Men­schen am meis­ten am Her­zen liegt. Du hast Recht mit Dei­ner Ein­schät­zung. Ruhm und Über­heb­lich­keit, die man­che Leute an­stre­ben un­ge­ach­tet des­sen, was sie da­bei Kin­dern, Äl­te­ren, je­der­mann und je­der­frau, den Ar­men, den Un­ge­schütz­ten, den Hilf­lo­sen Ab­scheu­li­ches an­tun, rau­ben ei­nem dem Atem.

Und doch er­mahne ich Dich, er­su­che ich Dich sanft: Bitte ver­aus­gabe Dei­nen Geist nicht mit Kla­gen über diese schwie­ri­gen Zei­ten. Ins­be­son­dere: Gib die Hoff­nung nicht auf. Denn tat­säch­lich wur­den wir für diese Zei­ten ge­macht.

Ja. Über die Jahre hin­weg ha­ben wir uns durch Ler­nen und Üben dar­auf vor­be­rei­tet und nur auf ge­nau diese An­wen­dung für un­ser En­ga­ge­ment ge­war­tet. Ich kann Dir nicht oft ge­nug sa­gen, dass wir de­fi­ni­tiv ex­akt die Füh­rungs­per­so­nen sind, auf die wir ge­war­tet ha­ben, und dass wir von Kind­heit an für just diese Zei­ten ge­för­dert wur­den.

Ich bin nahe der Gro­ßen Seen auf­ge­wach­sen und er­kenne ein see­tüch­ti­ges Schiff auf den ers­ten Blick. Über­tra­gen auf wa­che See­len gab es noch nie fahr­tüch­ti­gere Schiffe auf den Was­sern, als es sie ge­rade jetzt auf der gan­zen Welt gibt. Und sie sind kom­plett aus­ge­stat­tet und in der Lage, wie nie zu­vor in der Ge­schichte der Mensch­heit, Kon­takt mit­ein­an­der auf­zu­neh­men.

Ich würde gerne für ei­nen Mo­ment Deine Hände hal­ten und Dir ver­si­chern, dass Du gut ge­rüs­tet bist für diese Zei­ten. Trotz Dei­ner gro­ßen Zwei­fel, Dei­ner Frus­tra­tio­nen beim Ge­ra­de­rü­cken all des­sen, das jetzt ge­rade ver­än­dert wer­den muss, oder wenn Du so­gar das Ge­fühl hast, dass Du die Ori­en­tie­rung völ­lig ver­lo­ren hast, hast Du die nö­ti­gen Mit­tel. Du bist nicht al­lein.“

Fort­set­zung folgt

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