Jahresrückblick 2025 (Teil 1)

Bür­ger­meis­ter Eng­lert legte die­ses Jahr dem Ge­mein­de­rat ei­nen nicht aus­ge­gli­che­nen Haus­halt vor. Den die­ser be­schloss. Und den die Auf­sichts­be­hörde nicht ge­neh­migte. So dass man nach­ar­bei­ten musste. Aber der Reihe nach.

So wie das vor­he­rige Jahr mit ei­ner miss­glück­ten Bür­ger­be­tei­li­gung en­dete, be­gann das neue Jahr mit ei­ner miss­glück­ten Bür­ger­be­tei­li­gung. Wer im Ja­nuar den On­line-Fra­ge­bo­gen zur Stadt­ent­wick­lung aus­füllte, be­kam am Ende statt ei­ner po­si­ti­ven Be­stä­ti­gung und/​oder ei­nem Dank die Mel­dung: „Oops, das hätte nicht pas­sie­ren dür­fen.“ Die Stadt be­teu­ert, dass die An­ga­ben den­noch in die Ana­lyse ein­ge­flos­sen seien.

Im Hin­blick auf die vor­ge­zo­gene Bun­des­tags­wahl machte sich die hie­sige Frie­dens­in­itia­tive Sor­gen, weil „Verteidigungs“-Minister Pis­to­rius die Be­völ­ke­rung dazu auf­rief, „kriegs­tüch­tig“ zu wer­den. Die „Nach­Denk­Sei­ten“ brand­mark­ten dies üb­ri­gens als „Goeb­bels-Sprech“, weil es stark an­ge­lehnt ist an die Wort­wahl des NS-Pro­pa­ganda-Mi­nis­ters Goeb­bels.

Die­ser ti­telte vor fast ex­akt 80 Jah­ren, näm­lich 1944: „Kriegs­tüch­tig wie nur je“, und zwar in der von den „Nach­Denk­Sei­ten“ als „Hetz­schrift“ be­zeich­ne­ten Pu­bli­ka­tion „Das Reich“.

Die Frie­dens-Ini sam­melte da­her Geld für eine An­nonce in der Lo­kal­zei­tung mit der Bot­schaft „Wählt keine Kriegs­trei­ber“. Der Ver­lag lehnte die Ver­öf­fent­li­chung ab.

Das „Bünd­nis ge­gen Ras­sis­mus und Rechts­extre­mis­mus“ rief für 30. Ja­nuar zu ei­ner „Men­schen­kette“ auf. Seine Bot­schaft lau­tete: „De­mo­kra­tie schüt­zen!“ und „Wer schweigt, gibt Rech­ten eine Stimme“ so­wie „Nie wie­der ist jetzt!“. Die De­mons­tra­tion rich­tete sich ge­gen Par­teien wie die AfD und die CDU.

Stadt­räte, die vor Ort beim Aus­zäh­len der Stim­men für die an­ste­hende Bun­des­tags­wahl und de­ren Durch­füh­rung hel­fen wol­len, ge­neh­mig­ten sich im Fe­bruar eine zu­sätz­li­che fi­nan­zi­elle Auf­wands­ent­schä­di­gung aus der Stadt­kasse für ih­ren Ein­satz.

Die frisch­ge­grün­dete In­itia­tive „Wa­beo“ ver­zeich­nete auch in Schorn­dorf Frei­wil­lige, die sich ge­mel­det hat­ten, um die Wahl und ih­ren kor­rek­ten Ab­lauf – ohne Ent­loh­nung – zu be­ob­ach­ten.

In der „Welt“ er­klärte der Staats­recht­ler Vol­ker Boehme-Ness­ler, dass Or­ga­ni­sa­tio­nen, die öf­fent­lich ge­gen eine Par­tei agie­ren, nicht als „ge­mein­nüt­zig“ gel­ten. In Schorn­dorf trifft dies auf das „Bünd­nis ge­gen Rechts­extre­mis­mus“ zu mit sei­nen De­mons­tra­tio­nen ge­gen die AfD und zu­letzt auch Auf­ru­fen, die ge­gen die CDU ge­rich­tet wa­ren.

Un­ser Kom­men­tar zur de­so­la­ten Lage des städ­ti­schen Haus­halts mit dem Ti­tel „Will­kom­men auf der Ti­ta­nic!“ war vom Warn­ruf des Ober­bür­ger­meis­ters („Eis­berg vor­aus!“) in­spi­riert wor­den und traf auf große Re­so­nanz.

Ei­nen Ein­blick in die Ar­beit des Ge­mein­de­rats ge­währte im März un­ser Nach­ruf auf die SPD-Stadt­rä­tin Me­la­nie Grawe, die im Al­ter von 89 Jah­ren ge­stor­ben war – eine po­li­ti­sche Weg­be­rei­te­rin für nach­fol­gende Frauen.

Sie selbst sah sich vor über 40 Jah­ren mit merk­wür­di­gen Re­ak­tio­nen von ih­ren männ­li­chen Kol­le­gen kon­fron­tiert, als sie ihr Amt an­trat. Diese woll­ten die Stadt-Po­li­tik als ihre al­lei­nige „Spiel­wiese“ nicht gern mit Frauen tei­len.

Me­la­nie Grawe schaffte es je­doch, die Ge­mein­de­rats­ar­beit durch Fleiß, Ver­stand und sou­ve­rä­nes Auf­tre­ten um den weib­li­chen Blick zu be­rei­chern und setzte neue Ak­zente in der Stadt. Ganz nach dem Prin­zip da­ma­li­ger Fe­mi­nis­tin­nen: „Wir wol­len nicht nur mit­spie­len, son­dern wir wol­len auch die Spiel­re­geln, wenn nö­tig, än­dern.“

Dazu pas­send zi­tier­ten wir zum Welt­frau­en­tag Hed­wig Dohm (1831–1919): „Mehr Stolz, ihr Frauen! Der Stolze kann miss­fal­len, aber man ver­ach­tet ihn nicht. Nur auf den Na­cken, der sich beugt, tritt der Fuß des ver­meint­li­chen Herrn!“

Wie es auf der „Spiel­wiese Rat­haus“ ak­tu­ell aus­sieht, zeig­ten die­ses Jahr de­ren An­ge­stellte mit­tels klei­ner Vi­deos auf Tik­Tok. Etwa in­dem sie den Ober­bür­ger­meis­ter eine ver­meint­li­che Vor­stel­lung der dum­men Be­völ­ke­rung spie­len lie­ßen (wie er um­ge­ben von Bo­dy­guards in sein Amts­zim­mer ge­lei­tet wird), um ihn dann eine „rea­lis­ti­sche“ Ver­sion nach­zu­stel­len zu las­sen.

In Schorn­dorf mel­dete sich dazu ein­zig Stadt­rat Lars Haise (AfD) mit Kri­tik. Er be­fand, dass man­che An­ge­stellte im Rat­haus of­fen­bar nicht aus­ge­las­tet sind mit der Ar­beit, für die sie von un­se­ren Steu­er­gel­dern be­zahlt wer­den, wenn sie für der­lei Un­ter­hal­tung Zeit hät­ten.

Als be­son­ders rüh­rig stach Phil­ipp Stolz, der Lei­ter der Stabs­stelle „Di­gi­ta­li­sie­rung“, un­ter den Rat­haus-Be­diens­te­ten her­vor. Für seine Ar­beit wurde ihm in Stutt­gart der „Staats­an­zei­ger Award“ über­reicht. Im No­vem­ber dann wähl­ten ihn die Men­schen in Rei­chenau zu ih­rem neuen Bür­ger­meis­ter.

Be­reits Stolz‘ Vor­gän­ger in der 2019 ein­ge­rich­te­ten Stabs­stelle, Jörg Strit­zel­ber­ger, hatte sich er­folg­reich um ein For­schungs­pro­jekt zur Ge­sichts­er­ken­nung be­wor­ben und war kurz dar­auf eben­falls weg. Er ist nun IT-Fach­be­reichs­lei­ter der Stadt Met­zin­gen.

Als Bür­ger­meis­ter Eng­lert dem Ge­mein­de­rat über die Ab­rech­nung der Flut-Schä­den be­rich­tete, er­fuhr letz­te­rer, dass des­sen da­ma­lige Schät­zung um 90 Pro­zent zu hoch ge­grif­fen war. Tat­säch­lich muss­ten nur 10 Pro­zent der von Eng­lert pro­gnos­ti­zier­ten Summe für die Be­he­bung der Schä­den auf­ge­bracht wer­den.

Im tra­di­tio­nel­len Aprilscherz ging es die­ses Mal um die Frage, wie viel Geld man für gute Kul­tur aus­ge­ben muss – oder auch nicht, wie das Bei­spiel „All­mende Stet­ten“ zeigt. Ja, da wur­den weh­mü­tige Er­in­ne­run­gen an die Ma­nu­fak­tur wach, als sie sei­ner­zeit noch auf­müp­fig und re­gie­rungs­kri­tisch war…

Bei den Haus­halts­re­den der Frak­tio­nen im Ge­mein­de­rat stach Tim Schopf (SPD) auch dies­mal her­vor. Nach­dem er im Jahr zu­vor die Fi­nanz-Lage durch eine ro­sa­rote Brille sah, warb er nun für ei­nen „po­si­ti­ven Po­pu­lis­mus“ und for­derte: „Lasst uns Feh­ler ma­chen!“

Wäh­rend die Spre­cher der an­de­ren Frak­tio­nen die Mi­sere vor­wie­gend le­dig­lich ana­ly­sier­ten (etwa Ge­rald Jung­in­ger: „Wir ha­ben jahr­zehn­te­lang über un­sere Ver­hält­nisse ge­lebt.“) for­derte Lars Haise (AfD), 40 neue Per­so­nal­stel­len im Rat­haus so­wie die „Stabs­stelle Klima-Voo­doo und Mo­bi­li­täts­be­schrän­kung“ er­satz­los zu strei­chen.

Bür­ger­meis­ter Eng­lert, der sich für ei­nen aus­ge­gli­che­nen Haus­halt seit­her vor al­lem auf Wun­der und Glücks­fälle ver­las­sen hat, be­kräf­tigte heuer: „Wir ha­ben al­les rich­tig ge­macht“.

Beim dies­jäh­ri­gen Os­ter­marsch für Frie­den in Stutt­gart wa­ren Na­tio­nal­fah­nen ver­bo­ten. Da­für durfte der Ge­werk­schafts­bund dort für die „Not­wen­dig­keit“ wer­ben, dass Deutsch­land „ver­tei­di­gungs­fä­hi­ger“ wird.   

Mit die­ser „Treue zum SPD-Kriegs­mi­nis­ter und der kriegs­lüs­ter­nen Re­gie­rung“ habe er in den Au­gen des Volks­wirt­schaft­lers Nor­bert Här­ing die üb­ri­gen Teil­neh­me­rIn­nen die­ser Demo für den Frie­den „in ein schwe­res Di­lemma ge­stürzt.“

Im April ge­dach­ten wir auch der in Lud­wigs­burg ge­bo­rene Pa­zi­fis­tin Frida Per­len, die anno 1915 am In­ter­na­tio­na­len Frauen-Frie­dens­kon­gress in Den Haag teil­nahm und sich ge­gen che­mi­sche Waf­fen ein­setzte.

In der Zeit­schrift „Frau­en­be­stre­bun­gen“ schrieb sie da­mals, dass sie und ihre Mit­strei­te­rin­nen „nicht feige und klein“ seien, denn „es ge­hört heute wahr­lich mehr Mut dazu, sich ge­gen die all­ge­meine Stim­mung zu rich­ten.“

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