„Wir sind für diese Zeiten gemacht“ – Teil III

Gast­bei­trag von Cla­rissa Pin­kola Es­tés
Die Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin und „Can­ta­dora“ Cla­rissa Pin­kola Es­tés hat vo­ri­ges Jahr ei­nen Brief an eine junge Ak­ti­vis­tin ge­schrie­ben, der ebenso er­mu­ti­gend wie weg­wei­send ist. Nach Teil I und Teil II hier der vor­letzte Teil:

„Jede dunkle Zeit birgt die Ver­lo­ckung, in eine Ohn­macht zu sin­ken, um sich aus­zu­klin­ken aus ei­ner Welt, in der so viel falsch läuft oder re­pa­ra­tur­be­dürf­tig ist. Fo­kus­siere Dich nicht dar­auf. Mach Dich nicht selbst krank durch Über­for­de­rung. Es be­steht die Ge­fahr, Dich selbst zu schwä­chen, in­dem Du Dich auf et­was ver­steifst, was au­ßer­halb Dei­ner Mög­lich­kei­ten liegt, et­was, wo­für die Zeit noch nicht reif ist. Fo­kus­siere Dich nicht dar­auf. Denn das hieße, den Wind ver­strei­chen zu las­sen ohne Se­gel zu set­zen.

Wir wer­den ge­braucht. Das ist al­les, was wir wis­sen. Und ob­wohl wir da­bei auf Wi­der­stände sto­ßen, tref­fen wir in noch grö­ße­rem Um­fang auf große See­len, die uns freu­dig be­grü­ßen, die uns lie­ben und lei­ten, und wir wer­den sie in dem Mo­ment er­ken­nen, wenn sie in un­se­rem Le­ben auf­tau­chen.

Hast Du nicht ge­sagt, Du seist ein gläu­bi­ger Mensch? Hast Du mir nicht ge­sagt, Du ha­best fest ver­spro­chen, auf eine Stimme zu hö­ren, die grö­ßer ist als Du? Hast Du nicht um Gnade ge­be­ten? Hast Du ver­ges­sen, dass Du diese Gnade nur er­lebst, wenn Du Dich die­ser grö­ße­ren Stimme un­ter­wirfst? Du hast alle Res­sour­cen, die Du brauchst, um auf je­der Welle zu rei­ten, um aus je­der Tiefe wie­der auf­zu­tau­chen.

Um es in der Spra­che der Pi­lo­ten und See­leute aus­zu­drü­cken: Jetzt heißt es für uns „volle Kraft vor­aus!“ Be­greife das Pa­ra­doxe: Wenn Du die phy­si­ka­li­schen Kräfte ei­nes Was­ser­stru­dels be­trach­test, siehst Du, dass des­sen Rand­be­reich sich weit­aus schnel­ler dreht als der in­nere. Ei­nen Sturm zu be­sänf­ti­gen, be­deu­tet, dass man die­sen Au­ßen­be­reich be­ru­hig­ten muss, um ihn dazu zu brin­gen, durch wel­che Aus­gleichs­maß­nah­men auch im­mer, lang­sa­mer zu dre­hen, sich ge­schmei­di­ger der Ge­schwin­dig­keit des in­ne­ren, deut­lich we­ni­ger auf­ge­peitsch­ten Kerns an­zu­glei­chen – so lange, bis das, was sich in die­sem bös­ar­ti­gen Schlot hoch­ge­peitscht hat, wie­der auf die Erde zu­rück­fällt, sich legt, wie­der fried­voll ist.

Ei­ner Dei­ner wich­tigs­ten Schritte, um beim Be­ru­hi­gen des Sturms zu hel­fen, be­steht darin, dass Du Dich nicht von ei­nem Ge­stö­ber über­dreh­ter Ge­fühle oder Ver­zweif­lung über­wäl­ti­gen lässt. Da­durch wür­dest Du die­ses Wir­beln un­will­kür­lich nur noch mehr be­feu­ern. Wir müs­sen nicht die ganze Welt auf ein­mal ret­ten, son­dern uns nur je­nem Teil der Welt zu­wen­den, der in un­se­rer Reich­weite liegt, und dort mit Ver­bes­se­run­gen be­gin­nen.

Jed­wede kleine, ge­las­sene Sa­che, die eine Seele tun kann, um ei­ner an­de­ren Seele zu hel­fen, um ei­nem Teil die­ser ar­men lei­den­den Welt bei­zu­ste­hen, wird im­mens hel­fen.“

Schluss folgt

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