Klara Palm

Klara Palm   (Foto: Palm-Ar­chiv)

Ge­denk­tag
Heute vor 158 Jah­ren kam Klara Palm, geb. Reuss, zur Welt.
Sie ist Schorn­dorfs erste Ge­mein­rä­tin.

1919 ließ sich die da­mals 56-Jäh­rige, die seit zwei Jah­ren ver­wit­wet war und die Apo­theke am Markt­platz al­leine wei­ter­ge­führt hatte, von der „Würt­tem­ber­gi­schen Bür­ger­par­tei“ zur Wahl des Ge­mein­de­rats auf­stel­len.
Sie ver­fehlte den Ein­zug in die­ses Amt nur knapp und trat es am 18. Mai 1922 als Nach­rü­cke­rin an. In die­ser Funk­tion sorgte sie un­ter an­de­rem da­für, dass die Frau­en­ar­beits­schule an die elek­tri­sche Strom­ver­sor­gung an­ge­schlos­sen wurde.

Klara Palm war bei der Kom­mu­nal­wahl am 20. Mai 1919 auf der Liste der Würt­tem­ber­gi­schen Bür­ger­par­tei auf Platz 3 an­ge­tre­ten, auf Platz 9 stand Anna Eber­hard, die Lei­te­rin des Land­wirt­schaft­li­chen Haus­frau­en­ver­eins. Die Deut­sche De­mo­kra­ti­sche Par­tei hatte so­gar drei Frauen auf­ge­stellt: die „Den­tis­ten Gat­tin“ Ama­lie von Hau­ßen, die „Ma­ler­meis­ters Gat­tin“ Luise Wolf­maier, und die „Pro­ku­ris­ten Gat­tin“ Ju­lie Nestle. Un­ter den Kan­di­da­ten der So­zi­al­de­mo­kra­ten fand sich keine ein­zige Frau, sie hat­ten über­haupt nur zehn Kan­di­da­ten für die zwan­zig Sitze im Ge­mein­de­rat auf­brin­gen kön­nen.

Klara Palm war zu je­nem Zeit­punkt Vor­sit­zende der Frau­en­gruppe der Würt­tem­ber­gi­schen Bür­ger­par­tei. In die­ser Funk­tion hatte sie noch am Sonn­tag vor der Wahl eine Red­ne­rin in Schorn­dorf be­grüßt, die über „Die Auf­ga­ben der Frau­en­grup­pen der Bür­ger­par­tei“ sprach. Ob und wie diese Red­ne­rin Mi­chel-Lör­cher aus Ess­lin­gen um Stim­men für Klara Palm warb, ist nicht über­lie­fert. Im Zei­tungs­be­richt zu diese Ver­an­stal­tung steht le­dig­lich, sie habe ge­sagt, dass die Sorge um die Kriegs­ge­fan­ge­nen und die in­ne­ren Un­ru­hen den Frauen „das Herz schwer mach­ten“, und be­son­ders drü­cke der „sitt­li­che Nie­der­gang un­se­res Vol­kes“ auf sie, wes­halb sie „in Be­zug auf die Wah­len tun woll­ten, was könn­ten, da­mit Män­ner aus der Wahl her­vor­gin­gen, de­nen das Volks­wohl am Her­zen liege.“

Aus der Wahl ging die Bür­ger­par­tei mit acht Sit­zen als stärkste Frak­tion her­vor, gleich­wohl rutschte Klara Palm auf den neun­ten Platz und ver­fehlte da­mit knapp den Ein­zug in das Gre­mium. Auch bei den an­de­ren Par­teien hatte es keine Frau ge­schafft. Die Wahl­be­tei­li­gung lag bei rund 50 Pro­zent – nur etwa der Hälfte ge­gen­über der Wahl zur ver­fas­sung­ge­ben­den Lan­des­ver­samm­lung vier Mo­nate zu­vor, wo sie bei 91 Pro­zent ge­le­gen hatte.

Nach­dem drei Jahre spä­ter Stadt­rat Jo­han­nes Abele am 4. Mai 1922 ver­stor­ben war, über­nahm Klara Palm als Nach­rü­cke­rin sei­nen Platz im Schorn­dor­fer Ge­mein­de­rat. Dass sei­nem Tod laut Trau­er­an­zeige „Mo­nate schwe­ren Lei­dens“ vor­aus­gin­gen, lässt ver­mu­ten, dass schon län­ger nicht mehr an Ge­mein­de­rats­sit­zun­gen teil­nahm. Man fragt sich, warum Klara Palm nicht schon frü­her nach­rückte. Mög­li­cher­weise hatte man nach dem Krieg an der Tra­di­tion fest­ge­hal­ten, dass Ge­mein­de­räte auf Le­bens­zeit ge­wählt wur­den und ihr Amt erst mit dem Tod auf­hörte.

Fast auf den Tag ge­nau drei Jahre nach ih­rer Wahl, trat Klara Palm am 18. Mai 1922 – mit Sit­zungs­be­ginn um 7 Uhr – ihr Amt als Ge­mein­de­rä­tin an. Laut Zei­tungs­be­richt wurde sie von Stadt­schult­heiß Ja­kob Raible „freund­lich be­grüßt und in  Voll­zug der ge­setz­li­chen Be­stim­mun­gen ver­ei­digt“. Die Frau­en­gruppe der Bür­ger­par­tei hatte ih­ren Sitz­platz „mit ei­nem Blu­men­strauß ge­schmückt und war durch eine Ab­ord­nung bei der Amts­ein­set­zung ver­tre­ten.“

Im An­schluss an Raibles An­spra­che  dankte Klara Pam „in kur­zen Wor­ten für den freund­li­chen Emp­fang bei An­tritt ih­res Am­tes, das sie nach schwe­rem Ent­schlusse aus Pflicht­ge­fühl ge­gen die den Frauen durch das Wahl­recht auf­er­leg­ten Pflich­ten über­nom­men habe“. Und sie „bat um Nach­sicht und Un­ter­stüt­zung sei­tens der Kol­le­gi­al­mit­glie­der.“

Im Jahr 1922 machte die In­fla­tion den Men­schen sehr zu schaf­fen. So stieg bei­spiels­weise der Preis für elek­tri­sches Licht von 7 Mark pro Ki­lo­watt­stunde im Mai auf 88 Mark im De­zem­ber. Auf der Ta­ges­ord­nung des Ge­mein­de­rats stan­den in die­sem Jahr un­ter an­de­rem die der „Quä­ker­spei­sung“, die von Ame­ri­ka­nern für hun­gernde Kin­der ein­ge­rich­tet wor­den war. Im Sep­tem­ber hieß es, dass diese nur wei­ter­ge­führt wer­den könne, wenn die Stadt die Kos­ten von zwei Wo­chen­ta­gen auf sich nimmt. Dem stimmte der Ge­mein­de­rat zu.

Die Spei­sung sollte ab No­vem­ber wie­der auf­ge­nom­men wer­den für 125 Kin­der, die der Schul­arzt für be­dürf­tig ein­stufte. Die Stadt über­nahm den sechs­ten Spei­se­tag und die Milch­früh­stü­cke. Der Ta­ges­bei­trag wurde von 50 Pfen­nig auf 5 Mark er­höht „an­ge­sichts des gro­ßen Auf­wands“, mit dem Zu­satz, dass „kein Kind zu­rück­ge­wie­sen wer­den soll, für das die An­ge­hö­ri­gen die täg­li­chen 5 Mark nicht be­zah­len kön­nen.“

Gleich­zei­tig wurde die „Teue­rungs­zu­la­gen für städ­ti­sche Ar­bei­ter nach den Ver­ein­ba­run­gen des Ar­beit­ge­ber­ver­bands ge­re­gelt und die Stadt­pflege zur Aus­be­zah­lung an­ge­wie­sen“. Auch die Tag­gel­der des Ge­mein­de­rats und die Be­züge der Ge­mein­de­be­am­ten wur­den „ent­spre­chend den be­hörd­li­chen Be­stim­mun­gen“ er­höht. Das Ge­such der Schul­die­ne­ri­nen um au­ßer­or­dent­li­che Ver­gü­tung wurde hin­ge­gen „zwecks nä­he­rer Er­he­bun­gen“ zu­rück­ge­stellt.

Der Ge­mein­de­rat be­riet zu­dem die Um­be­nen­nung von Stra­ßen, wo­bei ne­ben ei­ner Daimler‑, Luther‑, Schertlin‑, Heer­mann- und Sil­cher­straße auch eine Lui­sen­straße ein­stim­mig be­schlos­sen wurde. Ein­zig ge­gen die Hin­den­burg­straße er­hob Ge­mein­de­rat Sta­benau von der SPD Ein­spruch, der je­doch von sei­nem Kol­le­gen Lau­ten­schlä­ger zu­rück­ge­wie­sen wurde.

Für eine „bes­sere Aus­stat­tung“ des Amts­zim­mers des Vor­stands der Ge­wer­be­schule ge­neh­migte der Ge­mein­de­rat 3.500 Mark, und er über­nahm die Hälfte des De­fi­zits der vom Schwa­ben­bund ver­an­stal­te­ten „Frie­dens­ver­hand­lungs­aus­stel­lung“ in Höhe von 1.000 Mark. Da dies nur von 500 zah­len­den Per­so­nen be­sucht wor­den war, fehl­ten dem Bund am Ende rund 2.000 Mark. Für eine neue Kes­sel­an­lage zum Hei­zen der Re­al­schule be­wil­ligte der Rat den Be­trag von 215.000 Mark, hin­ge­gen wurde der An­trag der Han­dels­schule auf An­schaf­fung ei­ner Schreib­ma­schine ab­ge­lehnt.

Au­ßer­dem wurde ein Orts­schul­rat für den Be­trieb der Frau­en­ar­beits­schul ins Le­ben ge­ru­fen. Un­ter Raible als Vor­sit­zen­den wa­ren darin ne­ben zwei Ge­mein­de­rä­ten auch Klara Palm und ein Fräu­lein Siegle Mit­glied.

In der Ge­mein­de­rats­sit­zung vom 16. No­vem­ber 1922 er­folgte der Be­schluss, dass die Zu­sam­men­künfte „mit Rück­sicht auf die Ge­mein­de­rats­mit­glie­der“ künf­tig statt am Vor­mit­tag erst abends ab­ge­hal­ten wer­den, was von die­sen „all­ge­mein be­grüßt“ wurde.

Zu­dem hatte die Frau­en­ar­beits­schule be­an­tragt, an die elek­tri­sche Strom­ver­sor­gung an­ge­schlos­sen zu wer­den. Der Ge­mein­de­rat zeigte sich ge­gen­über dem Ge­such der Frauen nicht son­der­lich auf­ge­schlos­sen. Da wurde näm­lich „der Ver­wun­de­rung Aus­druck ge­ge­ben, warum das Be­dürf­nis nach Be­leuch­tung die vie­len Jahre her nicht be­stan­den habe und jetzt in der teu­ers­ten Zeit die Ein­rich­tung ver­langt werde.“
Gleich­wohl wurde die­sem An­trag statt­ge­ge­ben – mit der denk­bar knapps­ten Ent­schei­dung, näm­lich mit „10 ge­gen 9 Stim­men.

Am 14. De­zem­ber 1922 wurde in der Sit­zung der Dank der Leh­re­rin­nen der Ar­beits­schule für die Ein­rich­tung des elek­tri­schen Lichts ver­le­sen. Gleich­zei­tig be­schloss der Rat, dass de­ren Schü­le­rin­nen „eine Strom­ge­bühr für Be­nüt­zung der Bü­gel­ein­rich­tung“ auf­er­legt wird, die sich bei ei­nem mo­nat­li­chen Auf­wand von 20–25 Ki­lo­watt­stun­den auf 15.000 bis 20.000 Mark pro Halb­jahr be­lief.

Klara Palm schied be­reits am 28. De­zem­ber wie­der aus dem Schorn­dor­fer Ge­mein­de­rat aus. Bei der Wahl 1919 hatte die Be­son­der­heit ge­gol­ten, dass nur die zehn Kan­di­da­ten mit den meis­ten Stim­men für die volle Amts­zeit von sechs Jah­ren ge­wählt wor­den wa­ren, die an­de­ren zehn Plätze soll­ten be­reits nach 3 Jah­ren wie­der neu be­setzt wer­den. Zu die­ser Wahl trat Klara Palm al­ler­dings nicht mehr an.

Mög­li­cher­weise war ihr der Um­gangs­ton in den Sit­zun­gen zu rus­ti­kal ge­we­sen. So be­rich­tet et­was Lise Braun, de­ren Groß­va­ter Zieg­ler als Bei­geord­ne­ter im Rat­haus tä­tig war, in ih­ren Le­bens­er­in­ne­run­gen, dass Schult­heiß Raible mit­un­ter recht au­to­ri­tär auf­trat. Da­bei nahm er noch nicht ein­mal den Ge­mein­de­rat Her­mann Gun­ßer aus, der be­reits Reichs­tags­ab­ge­ord­ne­ter in Ber­lin ge­we­sen war. Wenn Raible sei­nen Kopf durch­set­zen wollte, er­klärte er kur­zer­hand: „Das ver­ste­hen Sie nicht, meine Her­ren, und Sie, Herr Gun­ßer, ver­ste­hen das auch  nicht.“

Klara Palm hatte 1931 noch ein­mal für den Ge­mein­de­rat kan­di­diert, wurde aber nicht ge­wählt. Es dau­erte über ein Vier­tel­jahr­hun­dert, bis wie­der eine Frau in den Schorn­dor­fer Ge­mein­de­rat ein­zog: Rosa Kamm im Jahr 1948.

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