Die „Becka-Kurze“ ist gestorben

Chris­tel Kohnle 1988

Nach­ruf
„Und wer sind Sie?“ wurde Chris­tel Kohnle vom Auf­nah­me­lei­ter des SDR et­was un­freund­lich an­ge­spro­chen, als sie ihm in der „Be­cka-Kurze“ über den Weg lief. An die­sem Tag im Mai 1986 drehte das Fern­seh­team dort eine Szene über Ro­bert Bosch, hatte sich die urige Kneipe in Schorn­dorfs Alt­stadt als Ku­lisse er­ko­ren. „I be zu­fäl­lig d‘ Wir­tin“, kon­terte Chris­tel schlag­fer­tig und brachte den Mann zum Ver­stum­men.

Ihr klei­nes Wirt­schäftle war nicht nur ein op­ti­sches Ju­wel für die Fern­seh­leute. Auch für die Schorn­dor­fer war es 17 Jahre lang et­was ganz Be­son­de­res, das sei­nes­glei­chen sucht. Der Grund da­für: Weil auch Chris­tel Kohnle et­was ganz Be­son­de­res war. Mit 25 Jah­ren er­füllte sich die ge­bür­tige Welz­hei­me­rin hier den Traum von ei­nem ei­ge­nen Lo­kal. Sie stammt aus ei­ner Wirts­fa­mi­lie, lernte Kö­chin und Ho­tel­kauf­frau.

Als sie die „Be­cka-Kurze“ im Som­mer 1981 er­öff­nete, war es äu­ßerst un­ge­wöhn­lich, dass eine Frau, dazu noch al­lein­ste­hend, sich auf diese Weise selb­stän­dig machte. Ihre Mut­ter hatte ihr das Holz­tä­fel­chen mit dem Spruch „Wer die Wir­tin kränkt, wird auf­ge­hängt“ ge­schenkt. Es amü­sierte die Kund­schaft, und es half ihr, sich Re­spekt zu ver­schaf­fen. So wurde sehr schnell aus dem Ge­heim­tipp eine In­sti­tu­tion in Schorn­dorf.

Was war ihr Ge­heim­nis? Zum ei­nen ist die Gast­stätte klein und urig, holz­ge­tä­felt und mit ei­ner durch­lau­fen­den Sitz­bank an den Sei­ten­wän­den. Nur vier große Ti­sche ste­hen im Gast­raum. Zum an­de­ren bot die Chris­tel ur­schwä­bi­sche Kü­che. Da gab es kein Chi­chi, son­dern Ge­richte, wie bei Mut­tern: selbst­ge­machte Maul­ta­schen, „Kar­tof­fel­schnitz und Spat­zen“ (Gais­bur­ger Marsch), Kut­teln oder „Brägala mit Ochsa-Auga“ (Brat­kar­tof­feln mit Spie­gelei). Das Spei­sen­an­ge­bot war auf ei­nem Spätz­les­brett mit dem Brenn­stab ge­schrie­ben. Da­von gab es nur ein Ex­em­plar, und die Gäste muss­ten war­ten, bis es an sie wei­ter­ge­reicht wurde.

Die Wirt­schaft heute

Chris­tel Kohn­les gro­ßes Ver­dienst ist, dass sie das Ur­sprüng­li­che und Echte der hie­si­gen Kü­che le­ben­dig hielt. Und ge­nauso echt und ehr­lich war auch sie. Da konnte es schon mal pas­sie­ren, dass sie ihre Gäste an­raunzte, wenn ihr et­was nicht passte. Sie hat aus ih­rem Her­zen keine Mör­der­grube ge­macht, son­dern war im­mer frei her­aus. Und die Gäste ho­no­rier­ten das, sag­ten: „So ist halt un­sere Chris­tel“ – und ka­men alle im­mer gern wie­der.

Mehr noch: Sie wa­ren stolz auf die­ses Gas­tro­no­mie-Kleinod in der Alt­stadt. Wer Be­such von aus­wärts be­kam, führte die­sen selbst­ver­ständ­lich hier­her zum Es­sen. So ha­ben sich auch viele Pro­mi­nente, die auf Tour­nee nach Schorn­dorf ka­men, im Gäs­te­buch der „Be­cka-Kurze“ ver­ewigt, un­ter ih­nen Pe­ter Schil­ling, das Bran­dis Quar­tett, El­mar Gunsch, Pe­ter Hor­ton, Wal­ter Schult­heiß, ge­or­gi­sche Mi­nis­ter, die Gruppe „Fools Gar­den“, Hel­mut Pal­mer, und, und, und.

Sie schaffte es, dass sich je­der bei ihr wie Zu­hause fühlte. Da de­bat­tier­ten Stadt­räte in der „Nach­sit­zung“ ne­ben Men­schen, die we­gen ei­nes preis­wer­ten Es­sens her­ka­men. Sport­ler, Un­ter­neh­mer, Jung und Alt, Reich und Arm. Sie sa­ßen not­ge­drun­gen eng bei­ein­an­der und ka­men ins Ge­spräch. Für die Wir­tin gab es keine Be­vor­zu­gung von ver­meint­lich ho­hen Tie­ren. Und sie hat dort nicht nur ih­ren ei­ge­nen Mann, Hans Lan­gen­bach, ge­fun­den, son­dern auch ei­ner Stu­den­tin, die bei ihr als Be­die­nung jobbte, zu ih­rem Le­bens­glück ver­hol­fen, näm­lich dem mei­ni­gen. Weil ich dort mei­nen Mann traf, der das Beste ist, was mir je pas­siert ist.

Chris­tel eb­nete als Pio­nie­rin den Weg für an­dere Frauen in ei­nem bis dato von Män­nern do­mi­nier­ten Wirt­schafts­zweig. Sie führte be­währte Tra­di­tio­nen fort, und hielt sie da­durch le­ben­dig. Das be­trifft nicht nur das Spei­sen­an­ge­bot und die ur­sprüng­lich er­hal­tene In­nen­ein­rich­tung der „Be­cka-Kurze“, son­dern auch die Kul­tur, wozu der tra­di­tio­nelle Bre­zel­ga­i­gel des Han­dels- und Ge­wer­be­ver­eins ge­hörte, der Mund­art­stamm­tisch oder der „Li­ter­kranz fröh­li­che Sän­ger­gur­gel“, des­sen Fan­club-Vor­sit­zende sie war.

Die Bre­zel im Wirts­haus­schild

Ihr spä­te­rer Traum von ei­ner Wirt­schaft in Mal­lorca zer­platzte. Im „Ab­seits“ der SG Schorn­dorf kam nicht mehr die glei­che At­mo­sphäre auf. In der „Ein­tracht“ in Waib­lin­gen knüpfte sie noch ein­mal an ihr ur­sprüng­li­ches Kon­zept an. Dann kam ein Schlag­an­fall, dann starb ihr Mann, Hans Lan­gen­bach. Chris­tel zog wie­der zu­rück nach Schorn­dorf, war noch ab und zu auf der SchoWo am Stand der Metz­ger im Ein­satz. An­fang vo­ri­gen Jah­res be­kam sie ei­nen drit­ten Schlag­an­fall, nach ei­nem vier­ten im März 2021 wurde sie zum Pfle­ge­fall. Am 16. März ist sie jetzt 65-jäh­rig ge­stor­ben, nur ei­nen Mo­nat nach dem Tod ih­res frü­he­ren Kochs Ha­rald Schaale. Die Bei­set­zung er­folgt im kleins­ten Fa­mi­li­en­kreis im Fried­wald in Göp­pin­gen.

Sie war die beste Che­fin, die ich je er­lebt habe. So, wie sie an­ma­ßende Gäste in die Schran­ken wei­sen konnte, zollte sie dem Ein­satz ih­rer An­ge­stell­ten stets vollste An­er­ken­nung. Sie sah es ein­fach, wenn man be­son­ders ge­for­dert war, zum Bei­spiel wenn man an ei­nem hei­ßen Som­mer­tag ren­nen musste wie ein Hase, um den Durst al­ler Gäste zu stil­len. Das war für sie nicht selbst­ver­ständ­lich. Sie ho­no­rierte es mit ei­nen zu­sätz­li­chen 20-Mark-Schein.

Sie war eine groß­ar­tige Frau. Eine Frau, die ih­ren ei­ge­nen Weg ging. Eine Frau mit Mut, Tem­pe­ra­ment und Hu­mor. Sie war, was es lei­der viel zu sel­ten gibt: Eine Frau, die aus dem Her­zen her­aus lebte, liebte, la­chen konnte. Eine ehr­li­che Haut. Sie hatte, wie man sagt, das Herz auf dem rech­ten Fleck. Und für sie galt das alte Sprich­wort „Ich hab ein Maul, dem geb ich zu es­sen, das muß re­den, was ich will“.

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