Ankündigung«
Dmitrij Kapitelman liest am Mittwoch, 11. März, auf Einladung des Kulturforums im Figurentheater „Phönix“ aus seinem Buch „Russische Spezialitäten“.
Dessen Ich-Erzähler heißt ebenfalls Dmitrij, ist wie der Autor in Kiew geboren, und seine Mutter betreibt in Leipzig einen „магазин“, d.h. einen Laden für russische Lebensmittel, Armbanduhren und Bücher, die sie in Kiew besorgt.
Sie schaut russisches Fernsehen, und das ist ein großes Problem für das Mutter-Sohn-Verhältnis.
Weil dort Nachrichten, besonders zum Krieg in der Ukraine, ganz anders klingen als in den deutschen Medien, die der Sohn konsumiert.
Weil Dimitrij aber seine Mutter liebt und sich danach sehnt, die Kluft zwischen ihnen zu überbrücken, kommt ihm schließlich als Ausweg die Idee, dass er das, was die Medien behaupten, einfach nur spiegeln müsse.
Sprich: Was dort über den Feind berichtet wird, findet in gleichem Maße in den eigenen Reihen statt. Gemäß der alten Weisheit „Was ich selber denk und tu, trau ich allen andern zu“.
Wenn da beispielsweise diese (pro-)russische Mutter aufgrund ihrer Fernseh-Informationen behauptet, dass das Massaker von Butscha nur ein „Fake“ der Ukraine sei, würde das also bedeuten, dass ihre Informationsquelle ebenso Fakenews verbreitet.
In der logischen Weiterführung dann allerdings auch, dass die ukrainische Seite, die den russischen Feind eines solchen Massakers an Zivilisten bezichtigt, selbst gleichermaßen zu einem solchen fähig wäre.
Überdies schildert der Autor in seinem Roman mit der ihm eigenen Schalkhaftigkeit Dinge, bei denen sich der Verdacht aufdrängt, dass er möglicherweise auch uns Deutschen ein bisschen den Spiegel vorhalten will.
Etwa, wenn da ein Fernsehreporter im russischen Fernsehen über einen plötzlichen Kälte-Einbruch in Süd-Sibirien berichtet mit der Warnung an die Bevölkerung, das Haus nicht zu verlassen.
Und will er uns womöglich mit dieser Technik auch bei der Beschreibung seiner neuen Heimat Leipzig, in der antisemitische Vorfälle an der Tagesordnung zu sein scheinen, einen Blick auf seine alte Heimat Kiew vermitteln?
Tatsächlich hatte er dort den Namen seiner nichtjüdischen Mutter als Nachnamen geführt, da sein Vater sich als Jude dort bedroht erlebte und es für seinen Sohn als zu gefährlich ansah, den Namen „Kapitelman“ zu tragen.
Laut Klappentext kam der Autor in den 1990-er-Jahren mit seinen Eltern als „Kontingentjude“ nach Deutschland. Das heißt, die Familie musste kein Asylverfahren durchlaufen, wie z. B. zuvor die „Boat People“ aus Vietnam. Anders als bei diesen blieb es ihr überdies erspart, einen Verfolgungsgrund angeben zu müssen.
Auf die Frage, warum seine Eltern nicht, wie ebenfalls erwogen, nach Israel ausgewandert sind, sagte der Autor in einem Interview, dies sei seinetwegen geschehen. Weil seine Mutter keine Jüdin ist: Als „Vaterjude“ wäre er in Israel nur ein „Jude 2. Klasse“ gewesen.
Die Lesung beginnt um 19.30 Uhr, moderiert wird sie von Sylvie Storz, der Eintritt kostet an der Abendkasse 14 Euro.

